Text anlässlich der Ausstellung "aufgelöst" bei CONRADS Berlin

von Laura Helena Wurth

 

Jeder, der malt, hat letztendlich das gleiche Ziel: Die Farbe muss auf die Leinwand. Doch das wie, warum und was gestaltet sich bei jedem anders.

Einer malt mit den Fingern (Egon Schiele, Amoako Boafo), ein anderer mit einer Rakel, einem sehr breiten Spachtel, mit dem die Farbe über die Leinwand gezogen wird (Gerhard Richter, K.O. Götz), wieder andere schütten die Farbe einfach direkt auf die Leinwand (alle Vertreterinnen des Action-Painting). Jeder findet seine Art, den Weg zwischen Farbtube und Leinwand zu überbrücken. Und alle wollen, dass zum Schluss, ein Bild dabei zurückbleibt.

 

Aneta Kajzer hat einen ganz eigenen Ansatz entwickelt, um ihre Bilder zu erschaffen.

In welchem Verhältnis können Farbe und Verdünnungsmittel zueinander stehen, so dass zum Schluss immer noch ein sichtbares Bild dabei entsteht? So sind ihre neuesten Bilder entstanden, die jetzt in der Galerie Conrads zu sehen sind. Deswegen auch der Titel der Ausstellung: “aufgelöst”.

Kajzer bringt Farbe und Verdünnungsmittel auf die Leinwand und beobachtet den Annäherungs - und Vermischungsprozess. Manchmal schüttelt sie die Farbe auch vom Bild herunter und schaut, was sich festsetzt, was übrigbleibt. Dadurch ergeben sich Spuren auf der Leinwand, die wie abgepaust wirken. Kleine Farbstrudel und Verdichtungen, die auf der Leinwand Orientierung schaffen. Durch das Verdünnungsmittel ergeben sich Schlieren und Farbverläufe. Wie Tintentropfen in Wasser schweben sie über die pastellig verschwimmenden Landschaften. Könnte man die Farbe hören, würde sie vielleicht wie das nachdrückliche Hauchen Jane Birkins klingen.

Obwohl Kajzer zu Beginn der Entstehung kaum interveniert, entstehen konkrete Figuren, die sie im weiteren Prozess herausarbeitet.

Das können Mickey Mäuse sein, leicht verdatterte Wolken, die aussehen als wären sie erschrocken darüber zu spät zur Party gekommen zu sein, oder ältere Damen mit großen Hüten. Es funktioniert wie das Spiel, bei dem man auf dem Rücken im Gras liegt, den Wolken beim Vorbeiziehen zuschaut und versucht Figuren aus ihnen herauszulesen. Mit nur kleinen malerischen Gesten hier und da hilft Kajzer diesen Figuren in die Welt. Hier ein kleiner Punkt, der das durch die fließende Farbe entstandene Auge akzentuiert, dort ein Strich, der den Kopf einer Figur zu erkennen gibt. Erst, wenn man eine Weile vor ihren Bildern gestanden hat, schälen sich die Motive heraus. Ähnlich dem Effekt, wenn man an einem Sommertag in einen dunklen, kühlen Hausflur tritt und die Augen sich erst an die gerade eingetretene Dunkelheit gewöhnen müssen.

Es sind Figuren, die so fluide sind, wie die Persönlichkeiten der Menschen, die sie anschauen. Wann immer man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, zeigen sie sich in einer neuen Form. So wie jeder Mensch jeden Tag ein anderer ist, sind auch die Figuren in Aneta Kajzers Bildern veränderlich und beweglich. Auch, wenn die Farbe irgendwann getrocknet und die Figur fixiert ist, bleiben sie nicht statisch. Immer wieder entdeckt man in den feinen Farbverläufen neue Geschichten.

Man muss sich – über den flüchtigen Blick hinaus – mit ihnen beschäftigen. Wie bei einem Polaroid sieht man die Details erst nach einer Weile. Wenn Augen und Geist sich daran gewöhnt haben, zu suchen. Und so kann man Kajzers Bilder auch als einen Gegenentwurf zu den leicht und schnell konsumierbaren Bildern unserer Gegenwart sehen, die beständig auf uns einprasseln. Es sind Bilder, die sich nicht aufdrängen. Im Gegenteil – sie wirken geradezu scheu.

 

Oft unterschätzt man den Einfluss, den die Perspektive hat, aus der heraus die Bilder entstehen. Als Betrachtender geht man immer davon aus, dass das Bild auch in dieser Position entstanden ist: Stehend, die Leinwand ungefähr auf Brusthöhe, jede Ecke gut zu erreichen. Doch Kajzer arbeitet aus einer anderen Perspektive. Sie muss sich vorsichtig über die bereits auf Rahmen aufgespannten Leinwände beugen, die zu Beginn des Malens auf dem Boden liegen. Manchmal steht sie auf einer Leiter und betrachtet die Bilder von oben.

 

Dabei kann jeder in den Bildern etwas anderes entdecken. Das, was Kajzer in ihnen sieht, muss nicht das sein, was jemand anderes darin entdeckt. Wenn man einen kleinen Hinweis braucht, wonach man suchen sollte, dann kann man sich an die Titel wenden. Kajzer gibt ihren Bildern sprechende Titel, die aber eher als Anhaltspunkte, denn als konkrete Vorgabe zu verstehen sind. Und gerade deswegen sind sie so viel freundlicher als das oftmals gewählte “Ohne Titel”, das das Orientierungsbedürfnis der nach Antwort Suchenden, auf das Label in der Ecke schielenden, brüsk zurückweist.

 

Das zentrale Bild dieser Ausstellung heißt “Fata Morgana”– und es scheint programmatisch. In einem Moment gesehen, im nächsten wieder verschwunden. Flirrend und unberechenbar. Und damit vielleicht auch ein Kommentar zur Bildproduktion der künstlichen Intelligenz, die ebenfalls die Sicherheit und Beständigkeit dessen, was man mit seinen eigenen Augen sieht, brüchig werden lässt. Auf welche Bilder kann man sich noch verlassen, was hat man wirklich gesehen und was hat das eigene Gehirn lediglich aus dem, was man schon kannte, vervollständigt? Die Tiefen, die Kajzer durch das Aufeinandertreffen von Farbe und Verdünnungsmittel schafft, stellen die eigenen Sehgewohnheiten und die eigene eingeschliffene Sehweise infrage. Man lernt den eigenen Augen nicht zu sehr zu vertrauen und sich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

Es ist der Lärm des Alltags, die Flut an Bildern, denen wir uns tagtäglich ausgesetzt sehen, denen Kajzer sich entgegenstellt und mit denen jeder, der heute Bilder produziert, sich auseinandersetzen muss. Denn das Gehirn gleicht alles Neue mit allem ab, was man schon einmal gesehen hat. In noch keiner Zeit sind so viele Bilder entstanden, geteilt, gesehen worden, wie heute. Noch nie war die Konkurrenz größer.

Doch genau die Uneindeutigkeit, die Tatsache, dass sich Kajzers Bilder nicht auf den ersten Blick zu erkennen geben, verleiht ihnen ihr Geheimnis. Man befragt, sucht und findet letztendlich eben auch. Man findet Figuren, die sich eingenistet haben in ein kollektives Bildergedächtnis. Figuren, die wie seltsame Mischwesen zwischen Flubber und Wolkenwesen herumwerkeln. Wie Hausgeister, die nicht wissen, ob sie gut oder böse sind und im Zweifel beides. Weil nichts und niemand nur eins von beidem ist, weil alles in ständiger Bewegung ist und Eindeutigkeit nichts, was wünschenswert wäre.

 

Und so funktionieren die Bilder Aneta Kajzers über großflächig angelegte Assoziationsketten, in denen man sich gleichermaßen wiederfinden und verlieren kann. So wie in unserer Gegenwart, für die Kajzer vielleicht den zeitgemäßesten Ausdruck gefunden hat. Ausdruck für ein unbestimmtes Gefühl der Identitätssuche, der großen Sinnfrage, auf die man irgendwie wohl auch immer hofft, niemals eine Antwort zu finden und für immer suchend zu bleiben.

 

 

Text on the exhibition "aufgelöst" at CONRADS Berlin

by Laura Helena Wurth

 

Everyone who paints ultimately has the same goal: the paint has to get on the canvas. But the how, why and what is different for everyone.

One paints with his fingers (Egon Schiele, Amoako Boafo), another with a squeegee, a very wide spatula with which the paint is drawn across the canvas (Gerhard Richter, K.O. Götz), and others simply pour the paint directly onto the Canvas (all representatives of action painting). Everyone finds their way to bridge the gap between paint tube and canvas. And everyone wants a picture to be left behind at the end.

 

Aneta Kajzer has developed her own unique approach to creating her images.

What is the relationship between paint and thinner so that a visible image is still created at the end? This is how her latest pictures were created, which can now be seen in the Conrads gallery. Hence the title of the exhibition: “aufgelöst” (“dissolved”).

Kajzer applies paint and thinner to the canvas and observes the approach and mixing process. Sometimes she shakes the paint off the picture and sees what sticks, what remains. This results in marks on the canvas that appear as if they were traced. Small swirls of color and condensations that create orientation on the canvas. The thinner causes streaks and color gradients. Like drops of ink in water, they float over the pastel, blurring landscapes. If you could hear the color, it might sound like the emphatic breath of Jane Birkin.

Although Kajzer hardly intervenes at the beginning of the creation, concrete figures emerge that she works out as the process progresses.

They could be Mickey Mouse, slightly puzzled clouds that look as if they were shocked about being late to the party, or older ladies in big hats. It works like the game where you lie on your back in the grass, watch the clouds go by and try to pick out figures from them. With just small painterly gestures here and there, Kajzer helps these figures into the world. Here a small dot that accentuates the eye created by the flowing color, there a line that reveals the head of a figure. Only after you have stood in front of her pictures for a while do the motifs emerge. Similar to the effect when you step into a dark, cool hallway on a summer day and your eyes have to get used to the darkness that has just arrived.

They are characters that are as fluid as the personalities of the people who look at them. Whenever you look at them from a different angle, they appear in a new form. Just as every person is different every day, the figures in Aneta Kajzer's pictures are also changeable and mobile. Even when the paint has dried at some point and the figure has been fixed, they do not remain static. You can always discover new stories in the subtle color gradients.

You have to deal with them – beyond just a cursory glance. Like a Polaroid, you only see the details after a while. When eyes and mind are used to searching. And so Kajzer's pictures can also be seen as an alternative to the easily and quickly consumable images of our present that constantly bombard us. They are images that do not impose themselves. On the contrary – they seem downright shy.

 

People often underestimate the influence that the perspective from which the images are created has. As a viewer, you always assume that the picture was taken in this position: standing, the canvas at approximately chest height, every corner easily accessible. But Kajzer works from a different perspective. She has to carefully bend over the canvases, already stretched on frames, which lie on the floor when painting begins. Sometimes she stands on a ladder and looks at the pictures from above.

 

Everyone can discover something different in the pictures. What Kajzer sees in them may not be what someone else sees in them. If you need a little clue as to what to look for, you can turn to the titles. Kajzer gives her pictures meaningful titles, but these should be understood more as clues than as concrete instructions. And that is precisely why they are so much friendlier than the often chosen “Untitled”, which brusquely rejects the need for orientation of those looking for an answer by squinting at the label in the corner.

The central image of this exhibition is called “Fata Morgana” – and it seems programmatic. Seen one moment, gone the next. Shimmering and unpredictable. And perhaps also a comment on the image production of artificial intelligence, which also makes the security and stability of what you see with your own eyes fragile. Which images can you still rely on, what did you actually see and what did your brain just complete from what you already knew? The depths that Kajzer creates through the collision of paint and thinner question his own viewing habits and his own ingrained way of seeing. You learn not to trust your own eyes too much and venture into unknown territory.

It is the noise of everyday life, the flood of images that we are exposed to every day, which Kajzer opposes and which everyone who produces images today has to deal with. Because the brain compares everything new with everything it has seen before. Never before have so many images been created, shared and seen as today. The competition has never been greater.

But it is precisely the ambiguity, the fact that Kajzer's pictures cannot be recognized at first glance, that gives them their mystery. You question, search and ultimately find. You find figures that have embedded themselves in a collective image memory. Figures that potter around like strange hybrid creatures between Flubber and cloud creatures. Like house spirits who don't know whether they are good or evil and, if in doubt, both. Because nothing and no one is just one of the two, because everything is in constant motion and clarity is not something that would be desirable.

 

And this is how Aneta Kajzer's pictures work via large-scale association chains in which one can find oneself and lose oneself in equal measure. Just like in our present, for which Kajzer has perhaps found the most contemporary expression. Expression for an indefinite feeling of searching for identity, the great question of meaning to which one somehow always hopes to never find an answer and to remain searching forever.

 

 

 


Text anlässlich der Ausstellung "Head in the Clouds" bei Semiose Paris

von Larissa Kikol

 

Semiose Galerie freut sich die Einzelausstellung der Künstlerin Aneta Kajzer in ihren Räumen zu präsentieren. Die deutsche Malerin hat sich der Farbe verschrieben, der Dramaturgie von Lichtverhältnissen und dem Spiel von Deutungsinteressen. Ihre Malerei fusioniert abstrakte und halb abstrakte Elemente. Das ‚halb‘ ist in ihrem Kontext deshalb wichtig und wird nicht etwa durch ‚figürliche Elemente‘ ersetzt, weil Flächen und Formen keine Eindeutigkeiten zulassen. Gesichter und Wesen werden im nächsten Pinselschwung wieder zu Flecken, und freie Farbformen werden in einem Dreh zu Gewitterwolken oder Natur. 

 

Die Wesen spielen eine besondere Rolle und tauchen in Form von Gesichtern auf. Oft sind es nur kleine Punkte und Striche, die Augen und Mund andeuten. Auf Halunken wurden zwei hellgrüne Punkte in weiße Flecken gesetzt. Diese minimalen Eingriffe reichen, damit das menschliche Gehirn Augen und daran ein ganzes Gesicht assoziiert. Es gehört zu seiner Natur, eben in der Natur lebendige Wesen auszumachen, ob Feind oder Freund. Ob in dem Muster einer Rauhfasertapete oder in dem Rauch einer Zigarette.  Die Nase des Halunken ist hingegen ausgearbeiteter, ein Rüssel, eine Penis-Nase richtet sich erwacht nach oben. Die rosafarbene Ausmalung unterstreicht die Assoziation an das Geschlechtsteil. Ein fröhlicher Penis, in einer gelben, sonnigen Blase. Drum herum Himmel, der auch Ozean sein könnte, und rote Hügel, die an Kakteen oder schmelzen Eis erinnern. Wässrig und flüssig erscheint das gesamte Bild. Ein neuer Ansatz von Aneta Kajzer, die in ihren vorherigen Bildzyklen dunklere und schwerere Räume durch tiefere Violett- und Blautöne zeigte.

 

Für die Ausstellung "Head in the Clouds" schuf sie neue Gemälde, die leichter und aquarellartiger erscheinen. 

Der dunkle Himmel aus früheren Werken ist aufgebrochen, weiß scheint jetzt an vielen Stellen hindurch. Die Farbe bleibt, wie in ihren dunkleren Gemälden, in einem Fluss aus Schwüngen und Drehungen, die so typische für Aneta Kajzer sind, dass sie ihrer Handschrift eine unverkennbare Note verleihen.

Mit breitem Pinsel wird die Leinwand nicht durchgetaktet wie bei den Impressionisten, nicht durchgepindselt wie bei den neuen Wilden, sondern durchgeschwungen. Diese großen Schwünge sind es, die alles in Bewegung halten, die eine rein figürliche Malerei verhindern, aber genauso eine rein abstrakte Malerei solange kitzeln, bis sie sich windet und wendet und daraus neue Figuren entstehen. Auf virtuose Weise treiben die lockeren Pinselspuren zu einer Komposition. Sie strukturieren die Fläche, setzen die Farbe in Szene, intensivieren ihre Leuchtkraft und zur gleichen Zeit werden sie zu lesbaren Konturen der Wesen. 

 

Die Gemälde entstehen liegend auf dem Boden, sie werden nass gemalt und erst für weitere Malvorgänge an die Wand gehängt. Die Figuren sind weder geplant, noch werden ihre Gesichter als letztes hinzugefügt. Stattdessen wachsen sie aus dem Malprozess auf natürliche Weise hervor. Ihre aktuelle, pastelligere Farbpalette lässt an Maria Lassnig denken, eine von Kajzers großen Inspirationen. Auch Miriam Cahn zählt dazu. Ihre geisterhaft wirkenden Köpfe, die aus farbstarker Malerei hervorstechen sind ebenfalls Referenzen für die Künstlerin.

 

Die Bildwelten von Aneta Kajzer siedeln sich in der Natur an. Wetter, Himmel, das Universum und die Fauna auf dem Boden entstehen aus Farbe. Die Arbeit Über den Wolken zeigt eine dynamische Komposition. Eine Sphäre aus Orange und Rot, die in der oberen Ecke ins Schwarze abdriftet und mitten darin hellblaue Wolkenwirbel, die sich auftürmen. Jedoch nicht als Gewitter, sondern als fliegender Wolkenfreund, der den daruntergehenden Kunstbetrachter begleitet. Der orangene Mund, die dunklen blauen Augen wirken gütig, auch wenn sein Schwung massig und kräftig die Luft und das Wasser aufpeitschen. In der Mitte des Bildes ziehen Wolken und Sphäre auseinander, viel Weiß bleibt frei, doch zwischen den Naturelementen wirkt dieses Weiß plötzlich so tief wie das Schwarz der Nacht - Ein dramaturgischer Kniff.

In Sommersturm braut sich eine andere Energie zusammen. Die weite Leere wird durch herannahende Gewitterwolken eingenommen. Darunter, an der rechten Seite, ein Wirbelsturm, der nach oben treibt. Direkt daneben eine entgegengesetzte Richtung: Das nach unten verwaschene Blau erinnert an Regen, der hinunterströmt. Ebenfalls auf der rechten Bildhälfte ein saftiges Olivgrün, das sich verdunkelt, aber zeitgleich von hinten angeleuchtet wird. Ein schmutziges, bedrohliches Gelb zeichnet das Sommergewitter aus. 

Sirens könnte in einem Nachtmeer spielen. In der Bildmitte zeichnet sich ein Meeresspiegel ab, ein orangener Lichtschein am Himmel wird zu einer violetten Geschalt unter Wasser. 

Aber solche Naturschauspiele sind nicht auf allen Werken zu deuten. Andere wie Muggy scheinen Traumsequenzen zu eröffnen. Eine Art Geist mit orangenen Haaren und gelbem Gesicht huscht durch die Farbe. Auf der linken Bildhälfte bewegen sich hellere Lichtwolken, die durch Fingermalerei entstanden. Etwas cremiger wirken die pastelligen Töne in kleineren Wirbeln, die durch Fingerkuppen strukturiert wurden. 

 

Die Personifizierung der Farben in Wesen, Geister, Natur- oder Wetterelemente zählt zur typischen Bildsprache von Aneta Kajzers Werk. Oft sind die Wesen melancholisch, grübelnd oder flüchtig. Immer befinden sie sich in einer besonderen Dramaturgie von Licht, von Dunkel und Hell, von Tiefe und Schatten, oder von Luft und Himmel. Die abstrakte Malerei überwiegend, erstaunlich ist ihre Deutbarkeit durch die kleinen Eingriffe, die die Gesichter formen. Dabei geht es nicht um ein Entweder Oder. Wurde im 20. Jahrhundert eifrig gestritten und debattiert, ob abstrakt oder figürlich gemalt werden sollte, leben wir heute in einem Zeitgeist, der hybride Grenzen im persönlichen Stil zulässt. Klare Einordnungen sind veraltert. Spielerisch zeigt Aneta Kajzer die Freiheit der zeitgenössischen Malerei: Es wird gemischt, wonach das Gemälde fragt, es wird gemalt, was es braucht und was es will.

 

Text on the exhibition "Head in the Clouds" at Semiose Paris

by Larissa Kikol

 

Semiose gallery is delighted to present a solo show dedicated to the German painter Aneta Kajzer, whose work is defined by her focus on color, while exploiting the drama of light conditions and playing on its own potential for multiple interpretations. Her painting blends abstract and semi-abstract elements. The “semi” is important here because it does not imply the use of figurative elements and the surfaces and forms of her paintings defy any unambiguous reading. Faces and figures the viewer might perceive, become spots and specks again with the next brushstroke and areas of color become storm clouds or natural features at the blink of an eye.

 

Beings play a prominent role and appear in the form of faces. Often, they are just discrete dots and brushstrokes that suggest eyes and mouths. In Halunken (Scoundrels), the artist has placed two light green dots on white spots. This minimal addition is enough to persuade the human mind to see eyes and the rest of the face that goes with them. It is a natural function of the human brain to seek out living beings in the surrounding world, whether they are enemy or friend, whether they appear in a wallpaper pattern or the smoke of a cigarette. The nose of the scoundrel is more elaborate: it is more like a trunk or a penis-nose, erect and upwards-pointing. The pinkish coloring emphasizes the allusion to the sexual organ. It is a happy penis in a sunny, yellow bubble. It is surrounded on one side by a sky, which could also be an ocean, and on the other by red hills reminiscent of cacti or perhaps a melting ice-cream. The canvas as a whole, gives of a watery or fluid impression. This is a new approach from Aneta Kajzer, who in her previous cycles of painting created darker and heavier spaces with deeper purple and blue tones.

 

For the exhibition “Head in the Clouds,” she has created a series of new paintings that appear lighter and more like watercolors. The dark skies of her earlier works are now fractured with white breaking through in many places. As in her darker paintings, color is of primary importance, appearing in a flow of sweeping brushstrokes and swirls, so typical of her work that they form a distinctive signature. The canvas is not covered in short strokes as with the Impressionists, nor in smears like the Neo-expressionists, but is filled with broad and dynamic brushwork. These great sweeps keep everything in motion and preclude purely figurative painting, while at the same time tickling purely abstract painting until it twists and turns and new figures emerge. With great virtuosity, the loose brushstrokes lead to a composition. They form the structure of each surface and set the stage for the colors, intensifying their luminosity while at the same time creating the discernable contours of imagined characters.

 

Aneta Kajzer begins each painting with the canvas laid out on the floor and only hangs it on a wall for the later stages of her work. The figures are not planned in advance, nor are their faces added at the end of her composition. They are born naturally as the painting progresses. Her current palette of pastel colors brings to mind Maria Lassnig, one of Kajzer’s great inspirations. Miriam Cahn’s oeuvre, where ghost-like heads emerge from intensely colored backgrounds, is also a reference for the artist.

 

Aneta Kajzer’s pictorial worlds are rooted in nature. The weather, skies, universe and earthly fauna are born from color. The painting Über den Wolken (Above the Clouds) is a wonderfully dynamic composition. A sphere of orange and red fades to black in the top right-hand corner of the canvas, while in the center, swirls of light blue clouds build up. This is however not a storm in the making, but a friendly cloud floating by, accompanying the viewer below. The orange mouth and dark blue eyes seem benevolent, even though the passing cloud’s momentum appears to vigorously whip up the air and water. On the center-left of the canvas, the clouds and orange sphere pull away from each other and a large white surface remains blank. Yet between these natural elements this white space suddenly seems as deep as the blackest of nights—a powerful dramaturgical flourish.

 

In Sommersturm (Summer Storm) a different energy is brewing. The vast empti- ness is taken up by approaching storm clouds. At the bottom, on the right-hand side of the canvas a cyclone pushes upwards, while from above, a sheet of blue fading into the yellow, reminds us of a curtain of rain. Also on the right, a patch of intense olive green becomes darker yet also seems to be lit from behind. A dirty, menacing yellow sets the scene for a summer thunderstorm.

 

Sirens could easily be a night-time seascape: the center of the canvas represents the surface of the sea and an orange glow in the sky becomes a purple figure under the water.

 

Not all of Aneta Kajzer’s works however, can be interpreted as depictions of natural spectacles. Some, like Muggy, seem to reveal a dream sequence. In this painting, a kind of specter with orange hair and a yellow face flickers through the color. On the left-hand side of the canvas, lighter-colored, finger-painted swirls of cloud are set in motion. Yet smaller whirls in pastel tones have a creamier appearance. They too have been structured by the artist’s finger-tips.

 

The embodiment of colors—as beings, ghosts and natural or meteorological elements—is typical of Aneta Kajzer’s visual language. Often the characters are shown as melancholic, brooding or in flight. They are always set in a dramatic staging of light and darkness, depth and shadow or of air and sky. Abstraction of course is the dominant factor, yet the variety of interpretative possibilities that arise from small touches such as those forming the faces, is quite astonishing. There is however no question of either / or in terms of abstraction or figuration. If in the 20th century the opposition between abstract and figurative painting gave rise to passionate debate, today we live in an era that admits hybrid boundaries in personal style. Rigorous classifications have become outdated. Aneta Kajzer playfully demonstrates the freedom afforded to contemporary painting: bringing together whatever the painting asks for, painting what it needs and what it wants.

 


German: Von Häschen und Hunden

Über die Malerei von Aneta Kajzer

Text für den Katalog "Deep Blue Purple" von Lea Schäfer

 

Die künstlerische Arbeit von Aneta Kajzer fasziniert und befremdet gleichermaßen. Auf großen, farbstarken Gemälden erscheinen seltsame Wesen, Fratzen, Geister und Tiere, die uns in eine diffuse Gefühlswelt hineinziehen. Die traditionelle Repräsentation ist aufgehoben, Erkennbares löst sich im Ungegenständlichen auf. Das Unheimliche daran ist uns längst vertraut: Das Niedliche kippt ins Groteske, das Geheimnisvolle ins Gruselige und das Schöne ins Hässliche. Manches übermannt die Betrachtenden und konfrontiert sie mit menschlichen Gemütszuständen in Momenten der Peinlichkeit, der Scham und des Scheiterns (Fantásia, 2020). Anderes steht wie ein Bilderrätsel vor ihnen, bedient sich an Sprichwörtern oder der Bildsprache des Comics oder Mangas (Auge um Auge, 2020). Wo auch immer die Betrachtenden beginnen, er sieht sich einer Malerei gegenüber, die unbekannte Bildwelten eröffnet und doch vom Allernächsten handelt: vom Menschsein. 

Der künstlerische Prozess setzt zunächst bei der Malerin selbst an. Ihre Arbeitsweise ist durch ihren Körper bestimmt und gleicht einem performativen Akt. In einem intuitiven und offenen Werkprozess legt Kajzer mehrere Farbschichten in großzügigen Setzungen in Acryl- und Ölfarbe auf der Leinwand an, vermischt sie oder trägt Farbreste von der Leinwand ab. Sie arbeitet stets an mehreren Werken zur gleichen Zeit. Zum Teil sind ihre Arbeiten erheblich größer als sie selbst, sodass sich ihr körperlicher Bezug zum Bildträger stets wandelt und sie gezwungen ist, die Leinwände liegend und von allen Seiten zu bearbeiten. Oftmals agiert die Hand im aktiven Prozess schneller als Auge und Kopf sie führen können. Bisweilen verschlingt die Materialfülle die ersten zeichnerischen Setzungen, doch faszinieren einzelne Stellen mit einem Durchblick auf untere Farbschichten, wie in Katz und Maus (2020). Diese Absage an Perfektion, die Zufälle und Kontrollverluste sind erwünscht – sie befeuern den ständigen Dialog zwischen dem Zulassen der informellen Geste und dem reflektierenden „Etwas-darin-sehen“. Es bleiben starke Komplementärkontraste, aus denen sich aus dem Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion die Darstellungen von Gesichtern, Köpfen, Körpern, ihren Teilen und merkwürdigen Mischwesen, wie in Aufbruch (2020), erheben. Auf den kleineren Formaten vermag es Kajzer, eine Stimmung von Vertrautheit und Intimität zu erzeugen. Diese individuellen Einblicke in die Freuden, Schwächen und Ängste der Figuren lassen uns selbst an bekannte Erlebnisse und Empfindungen anschließen. Jede*r Tierliebhaber*in wird sich in As Long As I Got My Pet (2020) an die liebevolle Zuneigung zwischen Haustier und Tierbesitzer*innen erinnern. In Baby (2020) erkennen wir die Schutzlosigkeit eines Neugeborenen, das zunächst nur in völliger Abhängigkeit von der Mutter lebensfähig ist. Letztlich mahnt Burn Out (2020) an, dass die vollkommene emotionale Erschöpfung zu einem Massenphänomen des 21. Jahrhunderts geworden ist.

 

Das ständige Ringen um Ambivalenzen zwischen malerischer Setzung und zufälligen Figurationen und ihren Erzählungen treibt Kajzer in ihrem künstlerischen Werk an. Sie schafft einerseits rätselhafte Kreaturen, greift andererseits auf Schemata einfacher Wiedererkennung von Mensch und Tier zurück, um humorvolle bis ernsthafte Kommentare zum Verhältnis von Gesellschaft, Mensch und Tier zu formulieren. Die Gemälde sind vielschichtig, sodass ihre unwirkliche Farbigkeit eine Palette gemischter Gefühle überträgt. Die große Stärke von Kajzers Malerei ist, dass sie zugleich als malerische Setzungen funktioniert. Damit ist ihre künstlerische Auseinandersetzung immer zugleich Selbstbefragung sowohl des Mediums der Malerei als auch über die eigene körperliche und psychische Existenz als Körper, Frau und Künstlerin.

 

Of bunnies and dogs

The paintings of Aneta Kajzer

Text for the catalog "Deep Blue Purple" by Lea Schäfer

 

Aneta Kajzer’s work fascinates and disconcerts in equal measure. Strange beings, grimaces, ghosts and animals emerge within her large, colorful paintings and pull us into a diffuse emotional world. Traditional representation is suspended; the recognizable dissolves into the non-representational. What is uncanny here has long been familiar to us: the cute tips over into the grotesque, the mysterious into the creepy and the beautiful into the hideous. Some aspects overwhelm the viewer, bringing them face to face with the human emotions of moments of embarrassment, shame and failure (Fantásia, 2020). Others stand like a riddle, drawing on popular sayings, or the visual language of comics or manga (Auge um Auge, 2020). Wherever the viewer begins, they are confronted with a form of painting that opens up unknown visual worlds and yet deals with that which is closest: with being human.

The artistic process begins in the first place with the painter herself. Her method is determined by and through her body and is akin to a performative act. In an intuitive and open working process Kajzer lays down multiple paint layers on the canvas in generous applications of acrylic and oil, smearing, mixing or scraping extra paint away. She invariably works on multiple pieces at the same time. That her works are considerably bigger than she herself is serves partly to allow a continual shifting in her physical relationship to the painting. It also forces her to work on canvases from all sides as they lie on the ground. Within the active process the hand is often operating faster than the eye and head are able to guide it. Though the initial, more graphic marks are often engulfed by the abundance of material that follows, certain points of the paintings offer a fascinating view into the underlayers of paint, such as in Katz und Maus (2020). This rejection of perfection – the accidents and losses of control are wanted – fuels the ongoing dialog between the allowing of the informal gesture and the reflective “seeing something in it”. Strong complementary contrasts remain, and out of the interplay between figuration and abstraction arise depictions of faces, heads, bodies and their parts, and strange hybrid beings, as in Aufbruch (2020). In smaller works Kajzer is able to create an atmosphere of familiarity and intimacy. These individual glimpses into the joys, weaknesses and fears of the figures allow us to tap into familiar experiences and feelings. Every animal lover will be reminded of the loving affection between pet and owner when looking at As Long As I Got My Pet (2020). In Baby (2020) we recognize the defenselessness of a newborn, initially only able to live through complete dependence on the mother. Finally, Burn Out (2020) reminds us that complete emotional exhaustion has become a mass phenomenon of the 21st century.

 

It is the perpetual struggle of the ambivalence between painterly application and incidental figuration and its narratives that drives Kajzer in her artistic work. On the one hand she creates enigmatic creatures, on the other she draws on schemata of simple recognition of the forms of humans and animals in order to formulate commentaries, both humorous and serious, on the relationships between society, human and animal. The paintings are multilayered, with the result that their surreal colors convey a palette of mixed feelings. The great strength of her paintings is that they also function as painterly constructions. In this way her artistic investigation is always simultaneously an analysis of the medium of painting as well as her own physical and psychological existence as a body, a woman and an artist.

 


 

von Silke Hohmann:

 

Wenn Aneta Kajzer vor ihre Leinwände tritt, die teils erheblich größer sind als sie selbst, beginnt sie ohne gezieltes Vorhaben oder Thema. Ihre Figuren und Formen teilen sich ihr zunächst erst während des Entstehungsprozesses mit, worauf sie wiederum neue Antworten findet.

 

In diesem fortgesetzten Dialog mit der eigenen Bildfindung wechselt Aneta Kajzer zwischen planvollem und intuitivem Gestus. Immer ganz und gar Malerin, erzeugt sie sehr konfrontative Situationen zwischen Figuration und Abstraktion: Wie kann man zum Beispiel eine so aufgeladene, pathetische Farbe wie Preußischblau einsetzen, ohne das Klischee zu bedienen? Kann etwas Grobes wie ein breiter kräftiger Pinselstrich zu etwas Zartem werden wie einem Glimmen? Und sind zwei Punkte und ein gurkenförmiges Objekt schon ein Gesicht?

 

Aneta Kajzer versucht, Eindeutigkeiten zu zerschlagen und Ambivalenzen zuzulassen. Dabei heißt Ambivalenz hier nie Unentschlossenheit, im Gegenteil: Alles an Aneta Kajzers Bildern zeugt von einer großen Entschiedenheit, sogar vom mutwilligen Herbeiführen von Disharmonien und Unbehagen. „Manchmal“, sagt sie, „muss man es selbst lernen, das auszuhalten.“ Aushalten, Gegensätze und Unauflösbarkeit zu erzeugen und sie stehen zu lassen.

 

In ihrer Jugend geschult an Comics und Zeichentrick, weiß Aneta Kajzer, dass das Niedliche immer ganz nah am Grotesken ist, und dass das Abstoßende, Gruselige, auch schnell zu etwas Witzigem oder sogar Lächerlichen werden kann. Selbst ihre Farbwahl trifft sie anhand der Informationen, die der Farbe bereits innewohnen – und entwickelt intuitiv Strategien, wie man diese auflösen könnte. So findet man helle Hauttöne bei ihr eher in tierischen Darstellungen als bei menschlichen, und Rosa wird bei ihr zu einem „Fuck-you-Pink“, wie eine Künstlerkollegin kürzlich bemerkte.

 

Aneta Kajzer versteht sich als feministische Künstlerin, ohne dass sie in ihren Gemälden eine sichtbare, vordergründige Agenda verfolgen würde. Bereits an der Akademie fand sie sich mit anderen Künstlerinnen zu Kollektiven zusammen, veranstaltete Festivals und Ausstellungen in einem Projektraum und stellte jene Bedingungen her, die meistens als wünschenswert erachtet, aber im kreativen Bereich viel zu selten umgesetzt werden: Sei es, dezidiert auf weibliche Beteiligung wert zu legen, oder, Teilnehmende und Vortragende angemessen zu bezahlen.

 

Insofern kann man in ihre Bilder ein gesellschaftliches Anliegen hineinlesen: Diversität, Widersprüche, Unversöhnliches nebeneinander existieren zu lassen, und aus dieser Spannung heraus neue ästhetische oder gedankliche Funken zu schlagen.

 

Text by Silke Hohmann:

 

When Aneta Kajzer steps in front of one of her canvases, which are sometimes significantly larger than she is, she begins to paint without any given intention or theme. Her figures and forms reveal themselves to her during the process, and she then finds new responses to the things that have presented themselves.


In this ongoing dialogue with her emerging imagery Kajzer alternates between planned and intuitive gesture. Always a painter to the core, she produces highly confrontational situations between figuration and abstraction: For example, how can one use such a loaded and pathos-laden color like Prussian blue without summoning a cliché? Can something as rough as a strong, wide brushstroke become something as delicate as a glimmer? And do two dots and a cucumber-like object automatically make a face?


Kajzer attempts to break down clarity and allow ambivalence to take hold. But ambivalence never means indecision. Just the opposite, everything about Kajzer’s paintings speaks to an immense decisiveness, or even the willful precipitation of disharmony and unease. “Sometimes,” she says, “I myself have to learn how to tolerate it.” Tolerating, producing contradictions and things that remain unresolved – and just letting them be.

 

Having trained her eye with comics and animations in her youth, Kajzer knows that anything cute is never far removed from the grotesque, and that something disgusting or scary can quickly become funny or even ridiculous. Even her choice of color is based on information already contained within the color itself – and she intuitively develops strategies for challenging this. For example, she tends to use light skin colors more in the depiction of animals than people, a rose color becomes a “fuck-you-pink” and in her work, as a fellow artist recently described.


Kajzer considers herself a feminist artist, without adhering to any obvious or ostensible agenda. Even when she was a student at the art academy, she formed collectives with other female artists and organized festivals and exhibitions in a project space, creating conditions that are considered desirable but are all too rarely practiced in the art world: explicitly placing value on the participation of women and paying participants or lecturers fairly.


To this extent, one can read certain social concerns into her images: diversity, contradiction, allowing the coexistence of the irreconcilable, and allowing this tension to spark new aesthetic or conceptual propositions.

 


 

Aus der Reihe tanzen

Text für den Katalog "Jetzt! Junge Malerei in Deutschland" von Carina Bukuts

 

Der kubanische Cha-Cha-Cha ist geprägt von einem Spiel aus geschlossenen und offenen Figuren. Mal sind sich die Tanzenden ganz nahe und im nächsten Augenblick lösen sie sich voneinander. Betrachtet man die Gemälde von Aneta Kajzer, erkennt man ein ähnliches Wechselspiel. Ihre Malerei beruht zwar nicht auf einer vordefinierten Schrittabfolge, doch scheint ihre Technik in gleicher Weise, die Grenzen zwischen Geschlossen- und Offenheit zu verwischen wie es der Cha-Cha-Cha tut. Während die Tanzschritte bei Kajzer variieren, bleibt der Anfang immer gleich: In einem intuitiven Prozess beginnt sie mit schnellen Farbsetzungen die Leinwand zu füllen und tastet sich mittels erster Bewegungen nach und nach an ihre Motive heran. Ihre Gemälde unterliegen keiner vorgefertigten Idee, sondern jeder Pinselstrich wird durch den vorherigen eingeleitet.

 

1-2-Cha-Cha-Cha. Diese Bewegung ist immer eine Reaktion auf das, was Kajzer im Bildraum vorfindet. Während einige Setzungen konkrete Assoziationen hervorrufen, die die Künstlerin zu Figuren ausarbeitet, malt sie in anderen Fällen mehrmals über die ursprüngliche Fläche bis diese vollständig negiert ist und ein neuer Bildraum entsteht. Ihre Technik verwischt die Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration und hinterfragt die traditionellen Konventionen von Malerei. In gleicher Weise verhält es sich mit den Motiven, die nie nur eine Deutung für sich beanspruchen, sondern von einem Wechselspiel der Gegensätze geprägt sind. Kajzers Bilder tanzen zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, zwischen klischierten Schönheitsvorstellungen und dem Mut zur Hässlichkeit. Die Künstlerin zeigt uns Figuren, deren Gliedmaßen deformiert sind oder die sich einer geschlechtlichen Zuschreibung verweigern. Die Arbeiten von Aneta Kajzer entziehen sich normativer Bildvorstellungen, werfen Fragen nach der Welt auf, in der wir uns befinden, und präsentieren uns deren Abgründe und Absurditäten. Ihre Malerei folgt dabei stets ihrem eigenen Rhythmus, bleibt im Takt und beweist schließlich, dass es sich lohnt, ab und zu aus der Reihe zu tanzen.

 

March to a different drummer

Text for the catalog "Now! Painting in Germany Today" by Carina Bukuts

 

The Cuban cha-cha-cha is characterised by the alternation of closed and open figures. At times the dancers are close together and the next moment they move apart again. Looking at the paintings of Aneta Kajzer we recognise a similar interplay. Her painting is not based on a pre-defined sequence of steps, but her technique seems to erase the boundaries between closed and open in much the same way as the cha-cha-cha. While the dance steps in Kajzer’s works vary, the beginning is always the same. In an intuitive process she starts to fill the canvas with rapid strokes of colour and then gradually feels her way towards her subject by means of those first movements. Her paintings are not subject to a preconceived idea; each brushstroke is initiated by the previous one.

 

One, two, cha-cha-cha. This movement is always a reaction to what Aneta Kajzer finds in the picture space. While some of the brushstrokes she places arouse concrete associations, which the artist then develops into figures, in other cases she paints over the original area several times until it has been completely negated and a new picture space arises. Her technique blurs the boundaries between abstraction and figuration and questions the traditional conventions of painting. The subjects behave similarly and never claim an interpretation for themselves, but are rather characterised by the interaction of opposites. Kajzer’s pictures dance between seriousness and humour, between trite concepts of beauty and the courage to create ugliness. She shows us figures whose limbs are deformed or who defy gender classification. Her works elude normative picture concepts, raise questions about the world in which we live, and show us its abysses and absurdities. Aneta Kajzer’s painting always follows its own rhythm, remains on the beat and ultimately proves that it is sometimes rewarding to march to a different drummer.