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When Aneta Kajzer steps in front of one of her canvases, which are sometimes significantly larger than she is, she begins to paint without any given intention or theme. Her figures and forms reveal themselves to her during the process, and she then finds new responses to the things that have presented themselves.


In this ongoing dialogue with her emerging imagery Kajzer alternates between planned and intuitive gesture. Always a painter to the core, she produces highly confrontational situations between figuration and abstraction: For example, how can one use such a loaded and pathos-laden color like Prussian blue without summoning a cliché? Can something as rough as a strong, wide brushstroke become something as delicate as a glimmer? And do two dots and a cucumber-like object automatically make a face?


Kajzer attempts to break down clarity and allow ambivalence to take hold. But ambivalence never means indecision. Just the opposite, everything about Kajzer’s paintings speaks to an immense decisiveness, or even the willful precipitation of disharmony and unease. “Sometimes,” she says, “I myself have to learn how to tolerate it.” Tolerating, producing contradictions and things that remain unresolved – and just letting them be.

 

Having trained her eye with comics and animations in her youth, Kajzer knows that anything cute is never far removed from the grotesque, and that something disgusting or scary can quickly become funny or even ridiculous. Even her choice of color is based on information already contained within the color itself – and she intuitively develops strategies for challenging this. For example, she tends to use light skin colors more in the depiction of animals than people, a rose color becomes a “fuck-you-pink” and in her work, as a fellow artist recently described.


Kajzer considers herself a feminist artist, without adhering to any obvious or ostensible agenda. Even when she was a student at the art academy, she formed collectives with other female artists and organized festivals and exhibitions in a project space, creating conditions that are considered desirable but are all too rarely practiced in the art world: explicitly placing value on the participation of women and paying participants or lecturers fairly.


To this extent, one can read certain social concerns into her images: diversity, contradiction, allowing the coexistence of the irreconcilable, and allowing this tension to spark new aesthetic or conceptual propositions.


Text by Silke Hohmann

 

 

 

 

Wenn Aneta Kajzer vor ihre Leinwände tritt, die teils erheblich größer sind als sie selbst, beginnt sie ohne gezieltes Vorhaben oder Thema. Ihre Figuren und Formen teilen sich ihr zunächst erst während des Entstehungsprozesses mit, worauf sie wiederum neue Antworten findet.

 

In diesem fortgesetzten Dialog mit der eigenen Bildfindung wechselt Aneta Kajzer zwischen planvollem und intuitivem Gestus. Immer ganz und gar Malerin, erzeugt sie sehr konfrontative Situationen zwischen Figuration und Abstraktion: Wie kann man zum Beispiel eine so aufgeladene, pathetische Farbe wie Preußischblau einsetzen, ohne das Klischee zu bedienen? Kann etwas Grobes wie ein breiter kräftiger Pinselstrich zu etwas Zartem werden wie einem Glimmen? Und sind zwei Punkte und ein gurkenförmiges Objekt schon ein Gesicht?

 

Aneta Kajzer versucht, Eindeutigkeiten zu zerschlagen und Ambivalenzen zuzulassen. Dabei heißt Ambivalenz hier nie Unentschlossenheit, im Gegenteil: Alles an Aneta Kajzers Bildern zeugt von einer großen Entschiedenheit, sogar vom mutwilligen Herbeiführen von Disharmonien und Unbehagen. „Manchmal“, sagt sie, „muss man es selbst lernen, das auszuhalten.“ Aushalten, Gegensätze und Unauflösbarkeit zu erzeugen und sie stehen zu lassen.

 

In ihrer Jugend geschult an Comics und Zeichentrick, weiß Aneta Kajzer, dass das Niedliche immer ganz nah am Grotesken ist, und dass das Abstoßende, Gruselige, auch schnell zu etwas Witzigem oder sogar Lächerlichen werden kann. Selbst ihre Farbwahl trifft sie anhand der Informationen, die der Farbe bereits innewohnen – und entwickelt intuitiv Strategien, wie man diese auflösen könnte. So findet man helle Hauttöne bei ihr eher in tierischen Darstellungen als bei menschlichen, und Rosa wird bei ihr zu einem „Fuck-you-Pink“, wie eine Künstlerkollegin kürzlich bemerkte.

 

Aneta Kajzer versteht sich als feministische Künstlerin, ohne dass sie in ihren Gemälden eine sichtbare, vordergründige Agenda verfolgen würde. Bereits an der Akademie fand sie sich mit anderen Künstlerinnen zu Kollektiven zusammen, veranstaltete Festivals und Ausstellungen in einem Projektraum und stellte jene Bedingungen her, die meistens als wünschenswert erachtet, aber im kreativen Bereich viel zu selten umgesetzt werden: Sei es, dezidiert auf weibliche Beteiligung wert zu legen, oder, Teilnehmer und Vortragende angemessen zu bezahlen.

 

Insofern kann man in ihre Bilder ein gesellschaftliches Anliegen hineinlesen: Diversität, Widersprüche, Unversöhnliches nebeneinander existieren zu lassen, und aus dieser Spannung heraus neue ästhetische oder gedankliche Funken zu schlagen.

 

Text von Silke Hohmann

 


german version below

 

 

Dancing on Canvas

 

The Cuban dance cha-cha-cha is characterised by hip movements, introduced gently by the dancing couple and culminating in the triple-step of the title. The continual repetition of this sequence of steps leads to a play of closed and open figures. At one moment the dancers are very close to each other; in the next moment they move apart.

 

Looking at Aneta Kajzer’s paintings, we may discern a similar interplay. Although her painting is not based on a pre-planned sequence of steps, her technique seems to blur the distinctions between openness and closedness in a similar way to the cha-cha-cha. While the dance steps vary in Kajzer’s work, the starting point is always the same: she begins to fill the canvas with rapid applications of colour in an intuitive process, feeling her way gradually towards the motifs through these initial movements. Her paintings are not bound by any preconceived idea; each brushstroke is triggered by the one preceding. One, two, cha-cha-cha. This movement always constitutes a reaction to whatever Kajzer discovers in the picture space. Whereas some dabs of colour rouse concrete associations that the artist develops into figures, in other cases she paints over the original surface several times until it is completely negated and a new pictorial space emerges. Her technique, it seems, aims to oppose the traditional categorisation of abstract and representational painting.

 

The same may be said of her motifs, which never lay claim to one single interpretation alone but are characterised by the interplay of opposites. Kajzer’s images dance between seriousness and humour, between clichéd notions of beauty, and a bold ugliness. Although dancing en pointe usually radiates elegance and grace, for example, the painting Ballerina (2017) seems to consciously avoid this idea. The ballet shoes depicted are bulging and extend across almost the entire canvas. It seems as if a powerful stamping is being illustrated rather than effortless gliding. A movement of protest: in opposition to the conservative image of the woman generated by the figure of the ballerina and in particular by dancing en pointe. But also opposing the traditional ideas of painting. Aneta Kajzer’s works evade normative concepts of the image. Her painting is a self-determined dance, following its own rhythm while always keeping to the beat.

 

Text by Carina Bukuts

 

 

 

 

Tanz auf der Leinwand

 

Der kubanische Cha-Cha-Cha ist geprägt von Hüftbewegungen, die von dem Tanzpaar sanft eingeleitet werden und in den titelgebenden Dreierschritt münden. Die kontinuierliche Wiederholung dieser Schrittfolge führt zu einem Spiel aus geschlossenen und offenen Figuren. Mal sind sich die Tanzenden ganz nahe, und im nächsten Augenblick lösen sie sich voneinander.

 

Betrachtet man die Gemälde von Aneta Kajzer, erkennt man ein ähnliches Wechselspiel. Ihre Malerei beruht zwar nicht auf einer vordefinierten Schrittfolge, doch scheint ihre Technik in gleicher Weise die Grenzen zwischen Geschlossenheit und Offenheit zu verwischen wie es der Cha-Cha-Cha tut. Während die Tanzschritte bei Kajzer variieren, bleibt der Anfang immer gleich: In einem intuitiven Prozess beginnt sie mit schnellen Farbsetzungen die Leinwand zu füllen und tastet sich mittels erster Bewegungen nach und nach an ihre Motive heran. Ihre Gemälde unterliegen keiner vorgefertigten Idee, sondern jeder Pinselstrich wird durch den vorherigen eingeleitet. Eins, zwei, Cha-Cha-Cha. Diese Bewegung ist immer eine Reaktion auf das, was Kajzer im Bildraum vorfindet. Während einige Setzungen konkrete Assoziationen hervorrufen, die die Künstlerin zu Figuren ausarbeitet, malt sie in anderen Fällen mehrmals über die ursprüngliche Fläche bis diese vollständig negiert ist und ein neuer Bildraum entsteht. Ihre Technik scheint sich der traditionellen Kategorisierung von abstrakter und gegenständlicher Malerei widersetzen zu wollen.

 

Auf gleiche Weise verhält es sich mit den Motiven, die nie nur eine einzige Deutung für sich beanspruchen, sondern von einem Wechselspiel der Gegensätze geprägt sind. Kajzer Bilder tanzen zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, zwischen klischierten Schönheitsvorstellungen und dem Mut zur Hässlichkeit. Während der Spitzentanz für gewöhnlich Eleganz und Grazie ausstrahlt, scheint das Gemälde Ballerina (2017) sich dieser Vorstellung zu entziehen. Die dargestellten Spitzenschuhe sind wulstig und erstrecken sich nahezu über die gesamte Leinwand. Statt mühelosem Tippeln scheint vielmehr ein kräftiges Stampfen dargestellt zu sein. Eine Bewegung des Protests. Gegen das konservative Frauenbild, das durch die Figur der Ballerina und insbesondere den Spitzentanz erzeugt wurde. Aber auch gegen die tradierten Vorstellungen von Malerei. Die Arbeiten von Aneta Kajzer entziehen sich normativen Bildvorstellungen. Ihre Malerei ist ein selbstbestimmter Tanz, der seinem eigenen Rhythmus folgt, doch stets im Takt bleibt.

 

Text von Carina Bukuts